Denn bunt ist das Leben und granatenstark!
herz: energetic
Ich lese ja sehr gerne mal bei www.elles.de vorbei, wenn ich Lust auf etwas andere Geschichten habe. Gestern habe ich mal einen Kommentar zum Thema Outing am Arbeitsplatz im angegliederten Blog verfasst, worauf sich eine interessante Diskussion zwischen mir und der Verfasserin Ruth Gogoll entspann (entsponn?). Kurz darauf fand ich eine Mail von ihr in meinem Postfach: ob ich damit einverstanden sei, wenn mein einer Kommentar als Aufhänger für einen neuen Blog-Artikel genutzt werde. Natürlich war ich einverstanden und so entstand ein Eintrag zum Thema Homo- vs. Bisexualität, der dafür gesorgt hat, dass ich mir mal wieder etwas mehr Gedanken um das Thema mache.
Ich muss ja sagen, wenn man sich etwas näher damit befasst, so merkt man schon deutlich, dass Bisexualität immer ein Stiefkind der öffentlichen Repräsentation ist. Immer ein bisschen unter ferner liefen. Man ist ja nicht ganz lesbisch. Und auch nicht ganz hetero. Man passt nirgends so richtig hinein. Gern wird man szenemäßig zur Homosexuellenfraktion geschoben, aber so richtig passt man da auch nicht hin. Spätestens bei zweisamen Annäherungen wird das oft deutlich gemacht: "Nee, du, mit Bi-Frauen fange ich nichts an." Die verlassen einen ja früher oder später wieder für die traute Heterosexualität an Heim und Herd. Oder so ;-)
Natürlich hat Bisexualität ein deutlich positiveres Image in der Gesellschaft und ist nicht so stigmatisiert wie zum Teil immer noch die Homosexualität. Aber schaut man genauer hin, bröckelt die Fassade aus augenzwinkernden "Mensch, da hast du ja doppelte Auswahl!" und "Ach, ein bisschen bi schadet nie, nicht wahr?" Zum einen kommen solche Kommentare fast ausschließlich Frauen gegenüber - die Phantasie an einen Dreier mit zwei Frauen ist scheinbar tief verwurzelt *g*. Bei Männern kommt viel öfter die alte Homophobie zum Tragen: Schwanzlutscher? Igitt!
Zum anderen: was ist "ein bisschen bi"? Gelegentliche erotische Ausflüge zum gleichen Geschlecht? So denken es fast alle und so erleben es auch viele. Aber das muss eben nicht alles sein.
Es kann auch bedeuten, lieber mit dem gleichen Geschlecht zusammenzuleben, sich aber ab und an auf das andere Geschlecht einzulassen. Oder völlig ohne jede Gewichtung und Priorität zu leben. Nicht nur beide Geschlechter sexuell anziehend zu finden, sondern beide Geschlechter lieben zu können. Beziehungsweise sich in Menschen zu verlieben, egal ob Mann oder Frau. Und spätestens da ist ein Punkt erreicht, an dem die meisten Homo- und Heterosexuellen an die Grenzen ihrer Vorstellung stoßen. Nichts ist mehr schwarz oder weiß. Eine undefinierbare Grauzone, ein wenig nebulös und verschwommen. Nicht richtig greifbar. Am wenigsten für einen selbst, wenn man anfangs nicht weiß, wo man eigentlich steht.
Ich habe mich als Teenie eigentlich ausschließlich für Mädchen und Frauen interessiert. Habe mich unglücklichst verliebt, die ersten Erfahrungen gesammelt etc. Das ganze Klischee. Gut, dann wusste ich für mich eben: ich bin lesbisch. In einer Kleinstadt mit etwas konservativen Eltern nicht ganz einfach, aber immerhin ein Weltbild, mit dem man "arbeiten" konnte.
Wie verwirrend es war, als ich mich "trotzdem" mit 19 in einen Mann verliebte, ist schwer zu beschreiben. Alles, was ich bisher von mir glaubte, schien einfach nicht mehr gültig zu sein. Oder irgendwie auch doch, trotzdem, parallel?
Seit der Zeit war ich häufiger mit Männern zusammen als mit Frauen. Nicht unbedingt, weil ich mich jetzt festlegen wollte, sondern weil Annäherungsversuche an das gleiche Geschlecht einfach ungleich komplizierter und weniger erfolggekrönt sind. In der Lesbenszene wollte ich mich nie bewegen und habe es auch nie getan: die Codices waren mir einfach zu kompliziert, zu rigide. Das war nie, was ich wollte.
Zur doppelten Auswahl - das ist einfach dahingesagt. Für eine Nacht oder eine Affäre mag das stimmen. Aber die Zahl der Menschen, die sich auf jemanden einlassen, der auch noch Interesse am anderen Geschlecht als dem des Partners hat, dezimiert sich sehr schnell: beschränkt sich das eigene Bi-Verständnis auf gelegentliche homosexuelle Ausflüge unter Frauen, ist die Welt noch in Ordnung (siehe Dreier). Männer haben es da schon schwerer. Und all die, die auch mit dem gleichen Geschlecht eine Partnerschaft eingehen würden, haben es doppelt schwer: Verlustängste und Untreuevorwürfe können jegliche Beziehung schnell vergiften. Schließlich kann Frau ja mit einer Frau durchbrennen. Oder muss zwangsläufig zweigleisig fahren.
Das klingt jetzt alles wahrscheinlich furchtbar negativ und weinerlich, aber das soll es gar nicht sein. Dies ist nur eine kleine Kontra-Argumentation für all diejenigen, die der Meinung sind, Bisexuelle hätten es ja besonders gut und einfach getroffen. Einfach sicher nicht.
Gut aber durchaus, wenn man die Bisexualität für sich annehmen und ausleben kann.
Trotz aller Widrigkeiten, denen man begegnen kann (aber nicht muss) ist es für mich mittlerweile das natürlichste von der Welt, nicht in Geschlechterkategorien zu denken, wenn ich liebe und mich verliebe. Ich kann jeden Menschen faszinierend finden, ohne mich für mich selbst positionieren zu müssen, ob dieses Interesse nun platonisch ist oder nicht. Ich unterliege in dieser Hinsicht keinen Beschränkungen. Ich glaube an Liebe, losgelöst von Geschlecht oder "Zugehörigkeit". Wir lieben nicht, was schön ist, sondern wir finden schön, was wir lieben.
Oder wie es der gute alte Billy Bragg sang:
I've had relations with girls from many nations
I've made passes at women of all classes
And just because you're gay I won't turn you away
If you stick around
I'm sure that we can find some common ground
Sexuality - strong and warm and wild and free
Sexuality - your laws do not apply to me
Denn bunt ist das leben und granatenstark!






"Das klingt jetzt alles wahrscheinlich furchtbar negativ und weinerlich, ..."
Nein, überhaupt nicht. Eher bedenkenswert und anregend. Ich muss sagen, dass ich mir überhaupt keine Gedanken über solche Dinge mache, jedem das seine [und diese ganzen homophoben Männer...meine Güte, Homos und Bi-Männchen haben auch ihren Stolz und machen nicht wild in der Weltgeschichte herum und schon gar nicht mit euch!].
Ich denke noch über deinen Text nach.