Hin und wieder zurück - Tag 1

herz: bouncy
Sa, 21.08.2010
Saint Jean Pied de Port – Orisson
Ich bin immer noch der Meinung: Gut, dass ich heute nur bis Orisson gelaufen bin! Den Füßen geht es gut, nur die Beine wurden zum Ende etwas schwer und der Anstieg war wirklich hart.
Im „Esprit du Chemin“ habe ich erstaunlich gut geschlafen. Ohrenstöpsel sind tatsächlich ein Segen und wenn man sich das Handy unters Kopfkissen packt, wird man vom Vibrationsalarm wach, auch wenn man den Weckton nicht hört.
Gegen 6 Uhr bin ich aufgestanden, habe meinen Rucksack wieder zusammengepackt und bin zum Frühstück gegangen. Einen Orangensaft und eine Schale Müsli später hieß es dann, wir müssten auf unser Lunchpaket noch ein wenig warten, der Bäckerwagen sei noch nicht vorbeigekommen, es gebe noch kein Brot. Man arbeite aber an einer Lösung.
Nun gut, dies gab mir Zeit, mich einer der Traditionen des Hauses zu widmen:

Wenn Sie ihren Camino (oder: eine neue Etappe) bei uns anfangen, markieren sie dann diesen Start! Wie? Wir geben sie eine Kapsel und laden sie ein, einen persönlichen Bericht, einen Wunsch, ein Objekt oder etwas was hinter ihnen bleiben soll … usw. in die Kapsel zu füllen. Diese Kapsel können sie dann vor der Abreise in einen Kunstwerk in unseren Garten legen (> Foto oben).
Das wollte ich unbedingt tun, wusste aber nicht genau, was ich nun in diese Kapsel tun sollte. Mein Tigerauge, das ich trotz der zwei Extrasteinchen für das Cruz de Ferro mitgenommen hatte? Nein, die Zeit, mich davon zu trennen, war noch nicht gekommen. Da fiel mein Blick auf meinen Gepäckaufkleber von der Fluggesellschaft und das Namensschildchen der französischen Bahngesellschaft. Was symbolisierte meinen Start besser? Ich rupfte die Schilder vom Rucksack und stopfte sie in eine Kapsel, ließ mir dann die Skulptur zeigen und bevor ich die Kapsel durch den engen Maschendraht der Skulptur drücken konnte, kamen zwei niederländische Fotografen in die Herberge und wollten Fotos machen. So wurde ich dann auch noch mehr oder weniger freiwillig zum posierenden Pilger, der langsam und ganz fotogen ein Bällchen in ein Gefäß wirft.
In der Zwischenzeit war dann auch das Brot angekommen, so dass ich dann auch mein erstaunlich riesiges Lunchpaket in Empfang nehmen konnte. Zum Abschied verteilten die Hospitaleros noch kleine Gedichtkärtchen in allen möglichen Landessprachen. „Antje, du sprichst doch auch Spanisch, nicht?“, fragte mich Huberta, die Herbergsmutter. Als ich bejahte, meinte sie: „Gut, dann gebe ich es dir auf Spanisch, das ist nämlich das Original.“ Ich war ein wenig zu stolz, um trotzdem nach der deutschen Fassung zu fragen, denn schon beim ersten Blick auf das Kärtchen sah ich, dass mein Spanisch mit diesen Worten doch etwas überfordert war. Aber ich dachte mir, dass ich unterwegs schon jemanden treffen würde, der mir das genauer übersetzen könnte.
el camino, y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino,
y al volver la vista atrás
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino,
sino estelas en la mar.
(Antonio Machado)
Kurz nach halb acht marschierte ich dann los und schaute mir noch ein wenig das putzige Städtchen an. Dann machte ich mich auf die Suche nach dem kleinen Pilgerbedarfsladen, denn ich brauchte noch Sonnencreme und den obligatorischen Pilgerstab. Mit Trekkingstöcken à la Nordic Walking wollte ich nun wirklich nicht laufen, war aber der Meinung, über die Berge und notfalls auch im Sinne der Verteidigung könnte mir ein solcher Stab schon helfen.
Für schlappe 8 Euro erstand ich dann auch einen brusthohen Holzstab mit Handschlaufe, Metallspitze und eingeschnitzter Jakobsmuschel. Sehr schön! Beim Kauf der Sonnencreme allerdings hätte ich mich am liebsten in den Hintern gebissen, dass ich meine Flasche aus Gewichtsgründen daheim gelassen und hier auf eine leichtere Tubenvariante mit höherem LSF gehofft hatte. Natürlich gab es die, soweit kein Problem, allerdings durfte ich stolze 20 Euro für so eine Tube schweißresistente „active and long-lasting“ Supercreme berappen! Zähneknirschend steckte ich die Tube ein und beschloss spontan, sie nicht zu mögen.

Der Blick von der Brücke auf den Fluss Nive und die Häuschen im Morgennebel versöhnte mich allerdings wieder. Es versprach, ein schöner Tag zu werden. Nur wo zum Henker begann jetzt eigentlich der Jakobsweg? Wo ging es lang? Ich fand kein Schild, das mir den Weg weisen konnte. Kurz hinter dem Stadttor traf ich auf eine Pilgerin älteren Semesters, die ebenso ratlos aus der Wäsche schaute wie ich. Auf Französisch erklärte sie mir, dass sie den Weg nach Orisson suche. Nun, dann suchten wir erst einmal gemeinsam und, voilà, fanden auch den richtigen Weg. Wir kamen ins Gespräch und ich hätte es sehr seltsam gefunden, beim gleichen Ziel nun auf einmal vorzupreschen oder betont langsamer zu gehen. Also liefen wir zusammen und unterhielten uns ein wenig. Die kleine grauhaarige Frau hieß Marie-Aimée und lebte in Montréal, Kanada. Ursprünglich kam sie aber aus Frankreich, daher war ihr Englisch auch eher eine Notlösung und wir beschränkten uns aufs Französische, was mich allerdings wiederum ab und zu ins Schwitzen brachte. Zum zweiten Mal an diesem Tag stellte ich fest, was ich doch für ein Fachidiot geworden war.
Zum Glück bot uns die Strecke, die wir liefen, genügend Anlass, ab und zu stehenzubleiben und die Landschaft zu bewundern. Da fiel es nicht so auf, dass der kontinuierliche Anstieg uns beide etwas aus der Puste brachte. Es hatte schon etwas von Alpenpanorama, wie wir so an Weiden vorbeiliefen und durch die Nebelwolken brachen, so dass wir von oben auf sie draufschauen konnten.

Unterwegs trafen wir noch auf zwei junge deutsche Mädels, die nach ihrem bestandenen Abitur mit dem Jakobsweg eine Auszeit nehmen wollten, und liefen ab da dann zu viert. Selbst wenn sich ein Grüppchen wieder absonderte, wurde es doch keine Viertelstunde später wieder eingeholt. Es ist wirklich erstaunlich, wie jeder sein Tempo läuft und doch immer wieder auf die anderen trifft.
Es wurde sehr warm und sonnig und wir brauchten wirklich einiges an Verschnaufpausen. Der Wasserverbrauch stieg drastisch und bald waren die T-Shirts durchgeschwitzt. Die merkwürdigen Asiaten, die mit dem Van vorfuhren und der Meinung waren, uns filmen und interviewen zu müssen, ignorierten wir dann ab dem dritten Versuch komplett.
Nach ein paar Stunden sah es dann so aus, als ginge es nicht mehr viel höher. Die Berghänge waren mit Unmengen von Farnkraut bedeckt und Schatten wurde zur freudig begrüßten Seltenheit. Tatsächlich sahen wir über den Gipfeln sogar Geier kreisen und scherzten müde, dass die nur noch zwei Stunden warten müssten, bis wir erschöpft am Boden lägen. Der Ausblick über die Berge rechtfertigte aber alle Mühen und Anstrengungen.
Nach einer Wasserquelle, die uns wie das reinste Labsal erschien, dauerte es dann zum Glück nicht mehr lange und dann schleppten wir uns mit letzter Kraft die Straße zur Herberge hinauf. Faszinierender Anblick: keine Ortschaft, keine Häuser, nichts. Nur ein Steinhaus am Berghang und auf der anderen Straßenseite eine hübsche Aussichtsterrasse mit Tischen, Stühlen und leuchtend gelbem Sonnendach.


Wir setzten uns in den Schatten, genossen die Aussicht, ich aß mein Lunchpaket und gegen 14 Uhr konnten wir dann auch endlich das Zimmer beziehen. Nach einer Dusche und der von nun an wohl obligatorischen Handwäsche der verschwitzten Kleidung hängte ich die nassen Kleider auf die Leine hinter dem Haus und hörte im Rücken ein „Hallo, good to see you!“. Da saß hinter dem Haus die eine Australierin, die ich am Vorabend in der Herberge schon gesehen hatte. Während des Abendessens hatten wir aber an verschiedenen Tischen gesessen, so dass wir nicht weiter ins Gespräch gekommen waren. Das holten wir nun nach. Glenda, so der Name der hochgewachsenen Mittvierzigerin, kam eigentlich aus Südafrika, war aber vor 15 Jahren mit ihrem damals kleinen Sohn nach Australien ausgewandert. Sie war nicht in Saint Jean gestartet, sondern war bereits seit 4 Wochen durch Frankreich unterwegs. Im Gespräch mit ihr verging die Zeit wie im Flug und beim Abendessen lernten wir noch viele Menschen, und vor allem junge Pärchen, kennen, die wir im Laufe der nächsten Tage immer mal wieder sehen sollten. Da waren Dona und Alban aus Frankreich, die aber ausgezeichnet Englisch sprachen, Verena und Martin aus Freiburg, Julia und Michi aus Leipzig, Heike aus Trier, Monika aus Magdeburg und Melissa aus Quebec. Überhaupt fanden wir, dass so einige Frankokanadier unterwegs waren.
Das Abendessen war mit Gemüsesuppe, Lamm und Weißen Bohnen jetzt nicht weltbewegend, aber es war in Ordnung und machte satt. Nur das Weißbrot ging mir jetzt schon auf den Keks. Nach dem Essen stand ich dann mit den anderen noch ein wenig auf der Terrasse herum und sprach mit den deutschen Pärchen, dann war es aber auch schon Zeit, aufs Zimmer zu gehen, denn um 22 Uhr war für gewöhnlich Nachtruhe angesagt. Und müde waren wir ohnehin.
Fazit: Alleine zu starten heißt nicht, alleine zu laufen.













